Der Wecker klingelt, wie jeden morgen um 06:00 Uhr. Ich haue auf die Snooze-Taste, ziehe die Bettdecke bis zur Nase und schieße die Augen. Ahhhhh noch ein wenig dösen. BEEP – BEEP – BEEP krächzt es mir erneut entgegen und ich haue wieder auf die Snooze-Taste. 3–4x geht das bei mir, bis ich erschrocken feststelle, dass mein Zug in 45 Minuten fährt und ich wie von der Tarantel gestochen ins Badezimmer stürme. Völlig gerädert und gestresst spule ich den Rest meiner Morgenroutine herunter und hetze, mal wieder ohne Frühstück, zum Zug.

So, oder so ähnlich, geht es vielen Menschen. Die Vorsätze, stressfrei und überpünktlich am Bahnhof zu sein, hinfällig. An joggen, noch so ein Vorsatz, ist überhaupt nicht zu denken und ach, eigentlich wollte ich ja auch noch die Tageszeitung lesen und frühstücken…

Was ist eigentlich dieses blöde Problem unserer schlechten Gewohnheiten? Warum können wir es nicht einfach ändern und so ein besseres, gesünderes oder glücklicheres Leben führen?

Dazu schauen wir mal, warum es diese Gewohnheiten überhaupt gibt.

Der Mensch – das Gewohnheitstier

Wir sind Gewohnheitstiere und das gemeine dabei ist, unser Gehirn unterstützt uns dabei, fördert das sogar. Durch antrainiertes Verhalten versucht uns unser Gehirn, so gut es geht, im Autopiloten durch den Tag zu bringen, um für die kommenden Herausforderungen leistungsfähig zu sein. Das ist partout nicht schlecht und ermöglicht uns so überhaupt erst komplizierte Anforderungen zu bewältigen.

“Barrack Obama, der ehemalige Präsident der USA, hat sich jeden Vorabend seine Klamotten für den Folgetag zurecht gelegt und dabei nur zwischen wenigen Outfits unterschieden. Warum? Damit er nicht zu viel Energie mit unwichtigen Entscheidungen vergeudet – schon überhaupt nicht morgens. So ist mit der Zeit das Herauslegen der Klamotten zu einem antrainierten Verhalten geworden, was, automatisch und ohne große Anstrengung, durchgeführt wurde.”

Jetzt sind wir nicht Barrack Obama und müssen jeden Tag aufs Neue die Welt retten. Aber trotzdem können wir davon etwas lernen.

Je häufiger wir antrainiertes Verhalten nutzen, also im Autopiloten funktionieren, desto mehr Energie steht dem Gehirn für andere Tätigkeiten zur Verfügung.

Aber was hat das mit schlechten Gewohnheiten zu tun?

Ganz einfach, so wie wir hilfreiche Gewohnheiten antrainieren können, passiert das natürlich auch mit schlechten. Denn Gewohnheiten sind nichts anderes, als vielfach wiederholte Tätigkeiten. Unser Gehirn unterscheidet da nicht nach guten und schlechten Gewohnheiten. Alles was wir vielfach wiederholen, wird also irgendwann als Standard abgespeichert und im Bedarfsfall automatisch abgerufen.

Der Autopilot im Detail

Es ist also grundsätzlich prima, wenn wir möglichst viele Prozesse automatisch ablaufen lassen können und sehr clever von unserem Gehirn.

So clever unser Gehirn ist, so durchschaubar ist es aber auch. Denn die Verhaltensweisen laufen immer nach einem ähnlichen Prozess ab.

  • Auslöser: Das ganze startet immer mit einem Auslöser, der das antrainierte Verhalten auslöst.
  • Verlangen: Das Verlangen wird durch den Auslöser geweckt, das wiederum dafür sorgt, dass wir reagieren.
  • Reaktion: Die Reaktion, ausgelöst durch das Verlangen, ist die Ausführung des antrainierten Verhaltens und damit die eigentliche Aktion, die dann wiederum zum letzten Schritt des Prozesses führt.
  • Belohnung: Die Belohnung ist die Befriedigung des Verlangens durch die Reaktion und festigt so das Verhalten.

Anhand des Eingangsbeispiels ist das Klingeln des Weckers der Auslöser. Das Gehirn verbindet das Klingeln des Weckers mit dem Drücken der Snooze-Taste, also der Reaktion, da das Verlangen “nicht aufzustehen” dadurch befriedigt wird und die Belohnung weiter dösen zu können eintritt. Das Gehirn registriert die Belohnung und ist zufrieden und speichert den Prozess noch tiefer ab.

Okay, jetzt ist klar, warum der Autopilot wichtig ist und wie das Programmieren des Autopilots funktioniert. Aber warum bevorzugt er die kurzfristige Belohnung “dösen”, obwohl er genau weiß, dass das schlecht für den weiteren Ablauf des Morgens ist?

Das Ü-Ei Experiment

Vor einiger Zeit gab es mal einen Werbeclip zum beliebten Ü-Ei. Kinder wurden zusammen mit einem Ü-Ei eingesperrt und hatten die Wahl. Ein Ü-Ei jetzt sofort, oder zwei Ü-Eier, wenn sie ein paar Minuten warteten. Das eine Ü-Ei wurde als Anreiz vor den Kindern auf den Tisch gestellt. Was passierte? Natürlich konnten die meisten Kinder der Versuchung nicht widerstehen und haben nach einem zähen inneren Kampf das eine Ü-Ei verspeist.

Das ganze basierte auf einem Experiment aus den 1960er und 1970er Jahren an der Stanford University vom Psychologen Walter Mischel. Die Ergebnisse waren eindeutig! Wenige Kinder waren in der Lage auf die größere Belohnung zu warten und griffen beherzt zur schnellen Belohnung.

Das Konzept ist als “delayed Gratification” bekannt und heißt übersetzt soviel wie aufgeschobene Belohnung.

Die Werbung und die Unternehmen bedienen sich sehr häufig dieser bekannten Schwäche der Menschen. Viele Webshops bieten zwischenzeitlich kostenlosen Standardversand, innerhalb 2–3 Tage, oder kostenpflichtigen Expressversand, innerhalb 24 Stunden, an. Das Ziel ist klar. Es wird bewusst der Wunsch nach der schnellen Bedürfnisbefriedigung, der Lieferung der Ware, angeboten. Wir zahlen dann freiwillig ca. 10€ mehr, anstatt noch 1–2 Tage länger auf die Lieferung zu warten.

Nur wenige Menschen beherrschen die Kunst, zugunsten einer größeren Belohnung, auf die kurzfristige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Diese Menschen sind i.d.R. deutlich disziplinierter, haben bessere Schulnoten und sind erfolgreicher, da sie resistenter gegen Ersatzbefriedigungen sind.

Auf unser Beispiel angewendet heißt das nichts anderes, dass die Snooze-Taste, obwohl wir wissen das es mittelfristig schlecht ist, der kurzfristigen Belohnung nicht widerstehen können.

Die Chance ist groß, dass Du, wenn Du bis hier gelesen hast, ebenfalls zu den Personen gehörst, die die kurzfristigen Belohnungen bevorzugst und daher Schwierigkeiten mit schlechten Gewohnheiten hast, oder eine andere Person kennst die Hilfe benötigt.

Was zu tun ist

Ich habe eine gute Nachricht! Es gibt eine Lösung, einen Lifehack, um dieses Verhalten zu durchbrechen und so aus schlechten Gewohnheiten gute zu machen.

Für den ersten Schritt zur “delayed Gratification” gehört, dass die Lösung nicht sofort kommt ;-). Ich werde in den nächsten Wochen, jeweils donnerstags gegen 11 Uhr, einen neuen Artikel zu dieser Reihe hier auf meinem Blog veröffentlichen. So hast Du die Möglichkeit, jede Woche das Gelesene in Häppchen zu verdauen und umzusetzen.

Ich werde konkrete Hilfestellungen zu unterschiedlichen Gewohnheiten geben. Egal ob die Snooze-Taste, das Sofa anstatt Sport, Netflix anstatt lernen oder Fast-Food anstatt gesunder Ernährung, zu jeder schlechten Gewohnheit gibt es einen Lifehack.

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Schreib bitte einen Kommentar (ganz unten), was Deine Gewohnheit ist, die Du abstellen möchtest, oder eine Gewohnheit einer anderen Person die Du ändern möchtest. Ich werde in einem meiner nächsten Artikel darauf eingehen und Dir so Deinen persönlichen Lifehack mitgeben, um Deinen Autopiloten auszutricksen. Du kannst mir alternativ auch eine E-Mail an nick(AT)unscrew.de senden.

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